Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, treffe ich Daniel Juhr – in den verschiedensten Lebensabschnitten – schon über mein halbes Leben lang. 1999 sind wir uns erstmalig in der Sportredaktion des Remscheider Generalanzeigers begegnet. Seither kreuzen sich unsere Wege immer wieder. Und doch hatte ich erst kürzlich die Gelegenheit ihn wirklich kennenzulernen. Wie es dazu kam und welche spannende Lebensgeschichte dahintersteckt, möchte ich dir gerne erzählen. Doch zunächst einmal schauen wir kurz in die Zukunft, ehe wir einen Blick in die Laufbahn des jugendlich wirkenden, hoodie-tragenden Mannes werfen.
„Schreiben werde ich immer können. Ich denke nicht an die Rente. Ruhestand gibt es für mich nicht. Denn ich spüre nicht die Last eines Arbeitsalltages. Mir macht meine Arbeit Freude. Deswegen stelle ich mir auch vor, dass ich mit 93 im Garten meines Hauses sitze, Händchen haltend mit meiner Frau Sandra, mein neuestes Buch in der Hand und das war es dann“, schildert Daniel seine Idealvorstellung seiner Zukunft und seines Ablebens. Und man spürt dabei, dass er in seinem Element ist, wenn er von der Faszination des Schreibens berichtet. Wenn er erzählt, wie gerne er mit der Sprache arbeitet. Wie gerne er damit spielt. Er mit den Worten jongliert, sie kreativ einsetzt. Wenn er Charaktere erschafft und wieder sterben lässt. Wenn er Autoren eine Plattform bietet, ihre eigenen Gedanken zu veröffentlichen. Und wenn er davon berichtet, wie er auf Lesungen mit seinen Texten andere begeistert.
„Edgar Einbruch“ – die erste Geschichte schrieb er in der Grundschule
Das Schreiben lag ihm schon immer im Blut. Den Beweis liefert der gebürtige Remscheider sofort: Bereits in der Grundschule sei er für seine Aufsätze bekannt gewesen: „Ich habe immer die längsten Aufsätze geschrieben und erinnere mich noch daran, dass eine Geschichte sogar in der Parallelklasse vorgelesen wurde. Sie hieß „Edgar Einbruch“ und handelte von einem Einbrecher – aus der Ich-Perspektive.“ Wenn er an diese Episode zurückdenkt, huscht ein Lächeln über Daniels Lippen. Während also Lehrer das Talent erkannten, waren die eigenen Eltern zunächst zurückhaltender. Steine waren es nicht, die sie ihm in den Weg legten, aber Unterstützung kam auch wenig. Mehrfach fällt der Begriff „brotlose Kunst“, wenn wir im Gespräch auf diese Lebensphase und die Beurteilung aus dem Elternhaus zurückblicken. Davon ist Daniel heute weit weg. „Ich kann schon sagen, dass ich zufrieden bin und gut von meinem Geschäft leben kann. Glücklich, soweit würde ich nicht gehen. Denn Glück ist meiner Meinung nach ein temporäres Gefühl.“ Der Schlüssel, mit dem Daniel diesen Zustand der Zufriedenheit erreicht hat, war ein unglaubliches Urvertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Auch in Phasen, in denen der Musik-Fan ordentlichen Gegenwind bekommen hat, konnte er sich darauf immer verlassen. „Mein Weg war durchaus steinig. Insgesamt dreimal wurde mir gesagt: Für dich geht es hier nicht weiter“, berichtet der heutige 40-Jährige über berufliche Wendepunkte. Insbesondere die Art und Weise dieser jeweiligen Einschnitte betrachtet er im Rückblick als problematisch.
Damalige Ausbilderin wurde zur Mentorin
„Gerade als ich beim Radio, mitten in der Sprecherausbildung und im Volontariat war, und nach einem halben Jahr recht unvermittelt die Kündigung bekam, traf mich das hart.“ Auch in der vorherigen Station, nach der Ausbildung zum Verlagskaufmann, hatte man ihm signalisiert, dass die Reise zu Ende war. „Aus dieser Zeit nehme ich dennoch wichtige Erkenntnisse mit, die mich bis heute prägen.“ „Meine Ausbildung beim Verlag war eine harte Schule. Ich war ein verwöhntes Einzelkind. Mit sehr gutem Abi. Gewohnt häufig gelobt zu werden. Und dann fängt man bei null an. Ich wusste nicht, wie telefonischer Direktvertrieb ging. Oder wie man lektoriert. Kulturell war das auch anders. Ich lernte, dass keine Kritik auch ein Lob ist. Als mir klar wurde, dass ich viel mehr Tage ohne Kritik hatte als mit, erkannte ich, dass ich meinen Job nicht so schlecht mache.“ Ein wesentlicher Rückschluss für einen Anfang Zwanzigjährigen. Damals lernte Daniel Felicia Ullrich kennen, die er heute als eine Art Mentorin bezeichnet. Ullrich war es, die dem jungen Auszubildenden Türen öffnete, die anderen häufig verschlossen blieben. „Ich hatte seinerzeit geäußert, dass ich mich gerne ausprobieren wollte. Ich wollte mit auf Messen und durfte in den zweieinhalb Jahren drei-, viermal mit auf eben jene. Teilweise für eine Woche.“
Zu wissen, was man nicht will, ist entscheidend
Was er will, weiß der Familienvater auch heute noch. Und er tut das kund. Wichtiger noch – er weiß, was er nicht will. „Bevor ich mich vor knapp zehn Jahren ein zweites Mal selbständig gemacht habe, war ich der Leiter des Buchverlages des Remscheider Generalanzeigers. Ein gut bezahlter Job. Mit viel Prestige, Verantwortung und Geld. Die ersten Tage bin ich im Anzug ins Büro. Habe ich mich durch die Etagen führen lassen – da, wo ich zuvor als freier Mitarbeiter und später in einem zweiten Volontariat gearbeitet habe. Ehrlicherweise auch um zu zeigen, dass ich es vom Stift, wie man mich damals nannte, zur Führungsposition geschafft hatte – mit 29. Drei Jahre lang hat mir die Arbeit Spaß gemacht“, lässt Daniel durchblicken. Der Begriff Traumjob fällt. Ein großes Wort. Doch dieses Mal ist es nicht der Verlag, der die Zusammenarbeit beendet. Dieses Mal ist es Juhr selbst. Denn in der neuen Rolle war er nicht mehr er. Nicht mehr authentisch. Der Anzug saß nicht so gut wie der Hoodie. Die Krawatte legte er bei Branchentreffen kurz vor dem Termin an und danach sofort wieder ab. Er schrieb nicht mehr selbst. Verlegte andere. Kümmerte sich um Telefonbücher. „Siebzig Prozent meiner Arbeitszeit waren Management, Führung und so weiter. Das war mir zu wenig.“
Ein weiteres Mal erfand sich der Rock- und Metal-Fan neu. Schlug einen neuen Weg ein. Ohne sich dabei vollständig vom alten Weg zu lösen. Heute arbeitet er in seinem eigenen Unternehmen. Daniel betont das im. Er schreibt wieder selbst. Er veröffentlicht. Er liest seine Bücher. „Es ist ein geiles Gefühl. Wir können alles machen. Jede Idee kann ihren Platz finden.“ Er macht das in seinen eigenen vier Wänden im oberbergischen Wipperfürth. Seine Frau Sandra ist Teil von „Juhr made“ (https://www.juhrmade.de/). Eine Auszubildende gehört ebenfalls zum Team. Ist ein Teil der Juhr-Familie.
„Der deutsche Filmpreis wäre ein Traum“
Ebenso, wie der 12-jährige Sohn Bastian (O-Ton: „ein guter Schauspieler mit viel Potenzial, den ich gerne fördere“) und die zwei Hunde. „Alles ist bei uns grundsätzlich möglich. Magazine wie „Engelbert“ oder „Quatschkopf“, Drehbücher, Website-Texte, Krimis. Aber wir beschränken unser Wachstum. Denn ich will nicht dauerhaft am Unternehmen arbeiten, sondern Teil der Leistung sein. Ich will schreiben.“ Zwei große Ziele hat der Sympathisant des Kölner Fußballs, an denen er arbeitet: „Ich würde gerne von meinen eigenen Büchern leben können. Und eine Schlagzeile würde ich gerne lesen: „Der deutsche Filmpreis für das beste Drehbuch geht an Daniel Juhr.“
Diesem Ziel war Daniel schon einmal näher als heute. Und bezeichnet seine damalige Entscheidung als einen der größten Fehler in seinem Leben. „Ich hatte eine Einladung zur Filmakademie in Ludwigsburg. 2001. Parallel zum Volontariat beim Radio. Ich habe mich fürs Radio entschieden. Ehrlicherweise war das leichter. Und diente mir als Alibi, um nicht diesen für mich größeren Schritt zu wagen.“ Bei dieser Schilderung erwähnt der Familienmensch Juhr wieder seine Eltern, von denen er sich in dieser Zeit gewünscht hätte, dass sie ihn durch positive Bestärkung unterstützt hätten.
Fast eine Stunde ist ins Land gegangen. In denen Daniel und ich über seinen Werdegang, seine Wünsche, seine Tipps gesprochen haben. Eine Stunde, in der ich ihn besser kennengelernt habe, als in den letzten zwanzig Jahren. Eine Stunde, in der wir über persönliche Niederlagen, das Wieder-Aufstehen philosophierten. Als ich ihn nach einem Rat frage, den er Menschen in der beruflichen Neuorientierung mitgeben möchte, reagiert er schnell. „Sei ehrlich zu dir selbst und reflektiere ernsthaft was du willst und wofür du stehst.“
Dein Patrick